Der Eid des Architekten wurde analog zum bekannten Eid des Arztes (Hippokrates von Kós 460-370 a.c.) verfasst. Er  beinhaltet die ethisch- moralische Selbstverpflichtung des Architekten in der Ausübung seiner Aufgaben.Die Idee zum Eid des Architekten wurde durch Y. Azizzi angeregt.

1. Bei meiner Aufnahme in den Berufsstand des Architekten werde ich meine Arbeit in den Dienst der Bedürfnisse des Menschen stellen und sie mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausüben.

2. Die Architektur gestaltet Raum und erfüllt damit ein Grundbedürfnis des Menschen. Das seelische, geistige und physische Wohlbefinden der Bewohner und Nutzer der von mir geplanten Räume soll oberstes Gebot meines Handelns sein.

3. Ich werde sorgsam prüfend den innovativen Ausdruck der Zeit suchen und in meiner Architektur funktional, technisch und ästhetisch umsetzen. Die Architektur ist nur dann Kunst, wenn sie selbstkritisch kompromisslos dem Ideal folgt. Ich werde danach trachten, in meinen Werken den Sinn für die zeitgemäße Wahrheit nicht zu beleidigen. Ich bin mir dessen bewusst, dass die Ästhetik stets eine elementare Funktion meiner Bauten beinhaltet. Dabei ist auf die geistige Wärmequalität des Raumes zu achten.

4. Wie der besonderen Individualität des Menschen werde ich in meiner Planung auch der Erhaltung der besonderen Eigenart von lokaler und regionaler Landschaft und Architektur die schuldige Achtung schenken. Ich werde meine Kunst nicht aus Eitelkeit in Widerspruch dazu einsetzen. Gute Architektur macht die Landschaft schöner als sie vorher war.

5. Ich werde mit all meinen Kräften die Überlieferung gebauter Gedanken meiner Vorgänger  und ihre historischen Werke als geschichtliches Erbe achten.

6. Wie auf das menschliche Wohlbefinden werde ich auch auf die Erhaltung der Erde und ihrer natürlichen Ressourcen achten, und an das Leben der künftigen Generationen denken. Die Erde ist der erweiterte Leib des Menschen. Deshalb werde ich Rohstoff, Material und Energie sparsam und ökologisch schonend einsetzen und sie so auswählen, dass sie nicht krank machen.

7. Ich werde möglichst dauerhaft bauen oder, wenn erforderlich, die Wiederverwendung und Reversibilität in meinen Konstruktionen anstreben, um den Stoffkreislauf zu erhalten.Ich werde stets bedenken, dass die Funktionen sich wandeln. Die Architektur  sollte dies im “Offenen Grundriss”, im “Räumlichen Rundlauf” im “Plan Libre” nachvollziehen.

8. Das mir vom Bauherrn anvertraute Geld werde ich sorgsam verwalten und in Bauten realisieren. Ich werde dabei in Kauf nehmen, dass durch Sparsamkeit mein Honorar    geringer wird.

9. Ich werde mich als Treuhänder des eigentlichen Nutzers durch den Auftraggeber nicht unter Druck setzen lassen und den Anspruch auf das geistig-physischen Bedürfnis des Menschen selbst bei Gefahr des Auftragsentzuges aufrechterhalten.

10. Ich werde in der Ausübung meiner Aufgaben und Pflichten meinen  Vorläufern und Lehrern, sowie den im Planung- und Bauprozess Mitwirkenden stets die schuldige Achtung erweisen. Denn Architektur ist stets die Arbeit und die Idee von Vielen.

Dies alles verspreche ich feierlich auf meine Ehre.

G. Kohlmaier, A. Richter, Y. Azizi